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Rebecca Gablé

Lea Korte: Rebecca Gablé – das ist einer der ganz großen Autorennamen auf dem historischen Buchmarkt, ein Name, der für Qualität, Spannung bis zur letzten Seite und brillante historische Recherchen steht. Wie schnell ist es dir gelungen, deinen ersten Roman bei einem Verlag unterzubringen?

Rebecca Gablé: Von schnell kann keine Rede sein … Ich habe für meinen Erstlingsroman – einen Thriller – fünf Jahre nach einem Verlag gesucht. Leider habe ich die Absagebriefe nicht alle aufgehoben, aber es müssen über dreißig gewesen sein. Der einzige, der kein Formbrief war, sondern sich wirklich mit dem Manuskript auseinander setzte (So in etwa: „Wir können das Buch nicht nehmen, weil es diese und jene Schwächen hat, aber schreiben Sie weiter, ich sehe Potenzial …“), kam ausgerechnet von Lübbe, wo es einige Zeit später dann schließlich auch geklappt hat. Obwohl es eine Absage war, habe ich dieses Schreiben damals als sehr ermutigend empfunden. Ich habe ein anderes Manuskript, das in der Schublade lag, überarbeitet und an mehrere Verlage geschickt. Obwohl es bei Lübbe auf einem anderen Schreibtisch landete, haben sie es genommen.

Lea Korte: Hast du von Anfang an gewusst, dass du es „schaffen“ wirst, oder gab es auch Momente, in denen du an dir gezweifelt hast?

Rebecca Gablé: Natürlich habe ich gezweifelt und war ein paarmal auch kurz davor aufzugeben. Selbstvertrauen ist in dieser Phase ja das Schwierigste, finde ich. Wenn all deine Freunde sagen, „Dein Buch ist super, du musst einen Verlag suchen“, aber die Verlage es dann alle ablehnen, fragt man sich irgendwann unwillkürlich, ob das Manuskript vielleicht doch nicht gut genug ist. Ich glaube, kein Autor und keine Autorin, egal wie erfahren, ist in der Lage, das eigene Werk wirklich objektiv und leidenschaftslos zu beurteilen. Ein Anfänger schon mal gar nicht. Also zweifelt man eben. Der Trick ist, trotzdem weiterzumachen.

Lea Korte: Beim Lesen deiner Bücher entsteht beim Leser sofort das berühmte „Kopfkino“. Ist dir das Talent zum Schreiben „zugefallen“ oder hast du das „gelernt“?

Rebecca Gablé: Ich denke, wer sich entschließt, diesen verrückten Beruf zu ergreifen, muss eine gewisse Neigung in die Wiege gelegt bekommen haben, sonst käme man gar nicht auf die Idee. Wir können es auch Talent nennen. Nur wer das in sich trägt, setzt sich monate- oder jahrelang jede freie Minute, nicht selten neben dem Brotberuf, in ein stilles Kämmerlein und schreibt – ohne jede Erfolgsgarantie. Aber neben dieser angeborenen Neigung oder Begabung braucht man auch die handwerklichen Fähigkeiten, um eine Geschichte zu schreiben, die andere fesselt, und diese Fähigkeiten kann man erlernen und trainieren. Und nach meiner Erfahrung hört das Dazulernen niemals auf. Das ist ja auch gut so.

Lea Korte: Deine Romane zeichnen sich u.a. dadurch aus, dass du den Leser schon auf den ersten Seiten mit einer mehr oder minder großen Katastrophe in den Bann ziehst – und in einem Interview hast du gesagt: „Eine Katastrophe ist immer ein guter Romananfang, finde ich. Das Publikum begegnet den Figuren in einer Extremsituation – ein Identifikationsangebot, dem man sich schwer entziehen kann. Mitgefühl und Sympathie werden gleich zu Anfang geweckt, und sofort ist der erste, kleine Spannungsbogen eröffnet.“

Was sollten Jungautoren noch beachten, um ihre Leser von Anfang an gefangen zu nehmen?

Rebecca Gablé: Ich glaube nicht, dass es ein Patentrezept gibt, und nicht für jeden Roman ist eine Katastrophe der geeignete Anfang (obwohl ich zu dem stehe, was ich in dem Interview gesagt habe, und diese Technik auch heute noch oft anwende). Generell ist es wichtig, den Lesern die Figuren so früh wie möglich ans Herz zu schreiben. Was man deswegen gerade am Anfang vermeiden muss, ist ein Infodump (davon reden wir ja später noch). Man kann sich gar nicht oft genug vor Augen führen: Der Protagonist oder die Protagonistin muss die Leser durch den Roman tragen, nicht die Informationen, die man mit dem Roman zu vermitteln versucht. Nur wenn die Persönlichkeit und Geschichte der Hauptfiguren fesseln, lassen die Leser sich auf die oft lange Reise durch einen historischen Roman ein.

Lea Korte: Wenn du eine Idee für einen neuen Roman hast – ist da zuerst die Figur oder das Thema? Wie gehst du vor, um diese Idee weiterzuentwickeln? Und wie verhinderst du, dass es „zu viele Ideen“ werden?

Rebecca Gablé: Zuerst kommt das Thema. Oft beginnt meine Reise zu einem neuen Roman mit einer Frage, die meine Neugier weckt. Vielleicht kann man das am besten anhand eines Beispiels verstehen: Als ich Mitte der 90er Jahre meine Magisterarbeit über ein englisches Streitgedicht aus dem 14. Jahrhundert schrieb, fand ich heraus, dass die englischen Kaufleute etwa zur Zeit, als der Hundertjährige Krieg begann, eine enorme gesellschaftliche Aufwertung erfahren haben. Warum?, wollte ich wissen, und fing ein paar Jahre später an, dieser Frage nachzugehen. Als ich mich in das Thema eingelesen hatte, entstand allmählich in meinem geistigen Notizbuch die Figur des Jonah Durham, der es zwar nicht vom Tellerwäscher zum Millionär, aber vom kleinen Tuchhändlerlehrling zum Bankier der Krone bringt. Mir ist es immer besonders wichtig, dass gerade auch die fiktiven Figuren, vor allem mein Protagonist, typisch für ihre Zeit sind oder von den besonderen Umständen ihrer Zeit geprägt sind. Darum entwickele ich die Figur immer aus dem Thema, nicht umgekehrt.

Während ich mir ein Thema erlese, kristallisiert sich nach und nach der Rahmen für den Roman heraus, das ist fast ein Automatismus. Ich lege fest, welcher Zeitraum erzählt werden soll, wer die historische Hauptfigur sein wird, wo die Berührungspunkte mit meinem fiktiven Protagonisten liegen sollen. Dann plotte ich, aber nur grob und auch nicht immer ganz bis zum Ende. Dann fange ich an zu schreiben und hoffe das Beste …

Lea Korte: Kann man das „Komponieren“ eines Romans mit dem eines Musikstücks vergleichen?

Rebecca Gablé: Ich bin nicht wirklich in der Lage, das zu beurteilen, denn ich habe keine Ahnung von Kompositionslehre. Aber ich wette, Komponieren ist VIEL einfacher … Nein, Scherz beiseite: Es gibt bestimmt viele Parallelen, denn Inspiration, akribische Planung und ein schöpferischer Kraftakt sind wohl für beides erforderlich.

Lea Korte: Wie schaffst du es, bei all den historischen Fakten nicht den Überblick zu verlieren? Hast du dafür ein besonderes Ordnungssystem oder ein spezielles Computerprogramm?

Rebecca Gablé: Ja, ich habe ein Ordnungssystem, und es überhaupt nicht besonders raffiniert. Zu jeder Quelle und jedem Fachbuch, die ich lese, mache ich mir ausführliche Notizen in Form einer Word-Datei. Da steht dann zum Beispiel unter dem Titel

Derek Brewer: The World Of Chaucer

S. 22 ff. Beschreibung Häuser, Cottages, Bauweise und Inneneinrichtung

S. 23 Möbel, Preise

und so weiter. Ich mache das sehr gründlich und ausführlich, die Datei, die die Stichwörter zur gesamten gelesenen Literatur enthält, ist am Ende unter Umständen 100 Seiten lang. Und wenn ich ein halbes Jahr später wissen will, was 1370 eine Kleidertruhe in London kostete, öffne ich die Datei und suche mit der Suchfunktion nach Stichwörtern wie „Möbel“. Natürlich weiß ich dann längst nicht mehr, wo ich etwas darüber gelesen habe, aber ich finde „Brewer, S. 23“, und greif mir das Buch aus dem Regal, um noch mal schnell nachzulesen. Diese System hat sich für mich absolut bewährt. Es ist zuverlässig und idiotensicher, solange man bei seinen Stichwörtern keine Tippfehler macht.

Natürlich habe ich auch noch andere Hilfsmittel: Ausführliche Dossiers zu Biografie und Psyche der wichtigen Figuren, Steckbriefe für die Nebenfiguren. Auch unerlässlich: eine Tabelle, die mir die chronologische Abfolge der historischen Ereignisse anzeigt, und die wichtigste aller Tabellen ist die, aus der ich ersehen kann, welche Figur in welchem Jahr wie alt ist.

Lea Korte: Wie kann ein „Jungautor“ der „Infodump“-Falle entgehen? Gerade bei historischen Romanen sind ja viele „Fakten“ zu vermitteln …

Rebecca Gablé: Vor allem zu Anfang des Romans gilt: Locker bleiben. Der Leser muss nicht von Seite 1 an alles über die Lebenswelt der Figuren wissen. Im Gegenteil, wenn eine Figur etwas zu einer anderen Figur sagt, was auf den ersten Blick kryptisch erscheint, kann das Spannung erzeugen, wenn man es nicht übertreibt. Die erforderlichen Informationen sollte man dem Leser nach und nach in leicht verdaulichen Häppchen unterjubeln.

Es lohnt sich auch, genau zu überlegen, wie man Informationen verpacken kann, ohne dass sie langweilen oder den Handlungsfluss unterbrechen. Kinder sind zum Beispiel ein dankbares Mittel. Angenommen, ich will meinen Lesern das ausgeklügelte Ausbeutersystem der mittelalterlichen Feudalgesellschaft erklären. Natürlich kann ich das mit einem lehrreichen Erzählereinschub tun. Dann laufe ich aber Gefahr, dass mein Leser das Buch zuklappt und für immer beiseitelegt. Wenn aber ein hungriger Bauernjunge im Roman seinen Vater fragt: „Warum lebt Lord Sowieso in Saus und Braus, und wir haben nichts zu essen, obwohl wir doch die ganze Ernte für ihn eingebracht haben?“, dann kann die Antwort des Vaters die gleichen Informationen liefern wie der Erzählereinschub, nur eben viel interessanter. Ken Follett ist für mich der Meister dieser scheinbar mühelos eingestreuten Wissensvermittlung: In Die Säulen der Erde will er uns beschreiben, wie eine Burg im 12. Jahrhundert aussah. Also schickt er seinen Schurken zu dieser Burg, der die Absicht hat, sie mit einer List einzunehmen. Wir Leser begleiten diesen Schurken auf seinem Rundgang, erfahren von seinen finsteren Absichten, haben aber schon ein Band zu der jungen Frau geknüpft, die schutzlos und allein mit ihrem kleinen Bruder in der Burg lebt. Nie war eine Architekturbeschreibung spannender.

Es gibt also viele Methoden, einen Informationsstau im Roman zu vermeiden. Aber der Aspekt, der meiner Meinung nach am wichtigsten ist, ist dieser: Bei jeder Information, die ich meinen Lesern weitergebe, muss ich mir die Frage stellen: „Ist das wichtig für die Geschichte, die ich hier erzähle?“ Lautet die Antwort ja, muss ich auf einen geschickten Weg sinnen, sie zu vermitteln (siehe oben). Lautet die Antwort nein, muss ich die Information weglassen. Auch wenn es unendlich viel Mühe gemacht hat, sie mir anzulesen. Wenn sie für die Geschichte oder die Atmosphäre nicht wichtig ist, hat sie im Roman nichts verloren.

Lea Korte: Das erste Niederschreiben eines Romans ist auch für den Autor spannend – die folgenden, oft endlos erscheinenden Überarbeitungen manchmal weniger. Wie schaffst du es, am Ball zu bleiben? Und woher weißt du, dass der Roman jetzt „fertig“ ist?

Rebecca Gablé: Ich finde das Schreiben oft viel mühsamer als das Überarbeiten. Da ist wohl jede/r anders. Aber das ist ja nun mal mein Beruf, also setze ich mich morgens halt an den Schreibtisch und arbeite, egal ob ich Lust habe oder nicht. Nach meiner Erfahrung stellt die Lust sich meist von selbst ein, wenn ich einmal angefangen habe. „Fertig“ ist ein Roman nie, glaube ich, weil man immer das Gefühl hat, er könnte noch besser werden, und das Abnabeln fällt ja auch oft schwer, darum will man das Manuskript eigentlich nicht hergeben. Deswegen ist es vielleicht ein Glück, dass äußere Zwänge – wie zum Beispiel ein Abgabetermin – einen irgendwann motivieren zu sagen: So, jetzt ist Schluss.

Lea Korte: Die Romangenren sind gewissen „Moden“ unterworfen. Wie beurteilst du die Zukunft des historischen Romans?

Rebecca Gablé: Schwer zu sagen. Ich kann ja nicht in die Zukunft sehen. Aber wenn ich für jeden Schwanengesang auf den historischen Roman, den ich in den letzten zehn Jahren gehört habe, einen Euro hätte, bräuchte ich keine mehr zu schreiben ;-)Ich glaube eigentlich, für zuverlässig recherchierte und gut geschriebene historische Romane werden sich immer Leserinnen und Leser finden, denn sie sind nun einmal eine angenehme Form, etwas über die Vergangenheit zu erfahren.

Lea Korte: Ich weiß, dass du auch Krimis geschrieben hast. Warum, glaubst du, sind deine historischen Romane erfolgreicher? Und was hat dich bewogen, das Genre zu wechseln? Sehen Verlage eine solche „Zweigleisigkeit“ gern?

Rebecca Gablé: Ich habe mit Kriminalromanen, oder genauer gesagt, mit Thrillern angefangen, und das kann ich auch nur jedem empfehlen, der oder die Unterhaltungsliteratur schreiben möchte. Es ist eine sehr gute Schule. Aber meine wirkliche „Bestimmung“, um es mal pathetisch auszudrücken, ist wohl der historische Roman. Das ist das Genre, das mir auf den Leib geschneidert ist, und ich nehme an, das merken auch meine Leserinnen und Leser. Darum sind die historischen Romane eben erfolgreicher. Ich habe meine Liebe zum Mittelalter und zum historischen Roman während meines Studiums entdeckt und auch in dieser Zeit mit dem Lächeln der Fortuna begonnen. Da hatte ich schon mehrere Thriller geschrieben, und es war die eingangs beschriebene Zeit der Verlagssuche. Zwei der Thriller waren dann bereits bei Lübbe erschienen, als ich dem Verlag das Fortuna-Manuskript anbot. Zuerst war man im Verlag skeptisch wegen des Genrewechsels. Damals (1996) herrschte in Lektoratskonferenzen vielleicht mehr Schubladendenken als heute. Aber wirklich schwierig war es nicht, zumal meine Lektorin (damals schon dieselbe wie heute)sich für das Manuskript eingesetzt hat.

Lea Korte: Hast du noch einen besonderen Tipp, den du Jungautoren mit auf den Weg geben kannst?

Rebecca Gablé: Nein, dafür ist der Prozess von der Idee zum Manuskript zur Veröffentlichung viel zu individuell. Es gibt keinen Königsweg, glaube ich.

Ich danke dir sehr für dieses Interview!

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