Online Autorenkurse

Micaela Jary

Interview mit der Autorin Micaela Jary

Lea Korte: Mit deinen letzten Romanen bist du in die Riege der Bestsellerautoren aufgestiegen – und dieser Erfolg ist dir, wie ich weiß, nicht „einfach“ in den Schoß gefallen, sondern du hast über viele Jahre sehr hart daran gearbeitet. Was würdest du rückblickend sagen, waren die wichtigsten Schritte zu deinem Aufstieg?

Micaela Jary: Zunächst einmal sind vier Punkte sehr wichtig: Disziplin, Durchhaltevermögen, Qualitätssicherung, Glück. Ich glaube nicht an diese Phönix-aus-der-Asche-Geschichten. Diese von Null-auf-Hundert-Storys haben bei näherer Betrachtung eigentlich immer einen Haken. Das heißt: Der Weg nach oben ist oftmals sehr steinig und will langsam vollzogen werden; es dauert, bis alle Steine aus dem Weg geräumt sind und die Leiter Stufe für Stufe genommen wird. Es erscheint mir rückblickend z. B. sehr wichtig, dass ich als Midlist-Autorin einige Erfahrung sammeln konnte, um dann routiniert das Projekt „Bestseller“ anzugehen.

Lea Korte: Dein Afrikaepos „Sehnsucht nach Sansibar“ war ein sogenannter „Spitzentitel“ des Goldmann Verlags. Willst du Neulingen auf dem Buchmarkt vielleicht selbst erklären, was ein „Spitzentitel“ ist und welche Vorteile es für einen Autor hat, wenn sein Roman als Spitzentitel geführt wird?

Micaela Jary: In der Regel bringen die Verlage in jedem Monat einen so genannten „Spitzentitel“ heraus. Das sind die Bücher, die eine besondere Pflege durch den Vertrieb, die Marketing- und Werbeabteilung oder die Pressestelle erfahren. Da gibt es dann zwar auch Abstufungen, aber das zu erklären würde jetzt zu weit führen. Im Großen und Ganzen kann man aber sagen, dass die Spitzentitel in den Verlagsprogrammen insgesamt besser behandelt werden und dadurch im Buchhandel und bei den Lesern eine größere Aufmerksamkeit erfahren. Und der Autor bekommt meistens einen besseren Vorschuss.

Lea Korte: Wovon hängt ab, ob ein Verlag einen Roman als „Spitzeltitel“ ins Programm nimmt?

Micaela Jary: Ehrliche Antwort? Keine Ahnung! Ich glaube, es ist eine große Portion Glück dabei. Man muss mit dem richtigen Stoff zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit den richtigen Leuten reden.

Lea Korte: Du hast auch verschiedene Romane unter dem Pseudonym Gabriela Galvani geschrieben. Warum schreibt ein Autor Romane unter zwei Namen – zumal sie sich vom Genre her recht ähnlich sind?

Micaela Jary: Es gibt verschiedene Gründe, auf ein Pseudonym zurückzugreifen: 1. Man wechselt das Genre, 2. man schreibt mehr als ein Buch im Jahr und will den Markt nicht mit dem selben Namen überfluten, 3. der „alte“ Name hat sich so schlecht verkauft, dass der Handel keine großen Hoffnungen in diesen Autor mehr setzt und keine oder kaum Bücher bestellt.

Lea Korte: Haben die Verlage diese „Mehrgleisigkeit“ problemlos akzeptiert?

Micaela Jary: Das war keine Mehrgleisigkeit, denn meine Veröffentlichungen waren nicht zeitgleich, sondern schön der Reihe nach. Ein Pseudonym war damals der Wunsch des Aufbau Verlags und Goldmann wollte später einen neuen Namen – und griff dann wieder auf meinen eigentlichen Mädchennamen zurück.

Lea Korte: Nun muss natürlich auch die Frage kommen, die ich allen Autoren stelle – und die für Anfänger auf dem Buchmarkt eine der wichtigsten ist: Wie schnell ist es dir gelungen, deinen ersten Roman bei einem Verlag unterzubringen? Hast du von Anfang an gewusst, dass du es „schaffen“ wirst, oder gab es auch Momente, in denen du an dir gezweifelt hast?

Micaela Jary: Schon Voltaire meinte, es sei gut und weise, an allem zu zweifeln. Zu viel Selbstbewusstsein schadet eher, denke ich. Dennoch sollte man den Glauben an sich selbst und seine Möglichkeit nicht verlieren. Damit habe ich die zweite Frage zuerst beantwortet.

Die erste Frage ist nicht so einfach zu beantworten, weil mein ganzes Leben irgendwie auf meine Zukunft als Schriftstellerin ausgerichtet war. Als mich mein Vater nach meiner Geburt zum ersten Mal sah, sagte er: „Die wird mal Schriftstellerin!“ Kaum konnte ich (Einzelkind) schreiben, schrieb ich Geschichten auf, die ich meinen Puppen vorlas. Mit 14 schrieb ich meinen ersten Roman. Im Bekanntenkreis meiner Eltern befand sich damals ein namhafter Krimiautor, der mich an die Hand nahm und mit seinem Lektor aus dem Piper-Verlag bekannt machte. Der gab mir in den folgenden Jahren so eine Art Privatlehrgang in Sachen Schreiben. Mit 20 wurde ich dann Volontärin bei einer großen Tageszeitung. Auf diese Weise lernte ich, ordentlich zu recherchieren. Als junge Mutter begann ich, Kurzromane für die Yellowpress zu schreiben. Mein Ziel war aber immer der große, möglichst historische Roman. Den Verlagsvertrag dafür erhielt ich etwa 12 Jahre später, in denen ich als Redakteurin und freie Journalistin bei verschiedenen Zeitschriften gearbeitet hatte. Vorher habe ich aber immerhin ein Sachbuch, eine Romanbiografie und ein Kinderbuch veröffentlichen dürfen.

Lea Korte: Ist es für Autoren, seit du mit dem Schreiben angefangen hast, leichter oder schwerer geworden, im Buchmarkt Fuß zu fassen?

Micaela Jary:Es wird schwieriger, meine ich. Der Buchmarkt befindet sich derzeit im Umbruch. Die Erfindung des Paperback, die rückläufigen Zahlen des Taschenbuchs, eBook, rückläufige oder höchstens stark stagnierende Zahlen im Handel verändern das Verhalten von Buchhändlern und Lesern, was zu einer gewissen Unruhe in den Verlagen führt. Darunter leiden dann letztlich vor allem die neuen Autorinnen und Autoren.

Lea Korte: Du bist bei Facebook und auch sonst im Internet als Autorin sehr präsent. Für wie wichtig hältst du dies in Bezug auf eine Etablierung auf dem Buchmarkt?

Micaela Jary:Es gibt leider keine sicheren Erhebungen über das Kaufverhalten von Lesern und Social Media. Ich konnte mir eine Art Fan-Club über Facebook aufbauen, Kontakte, die mir sehr wichtig sind, weil Schriftsteller ja doch ziemlich einsam arbeiten. Ich meine allerdings auch, dass für den eigentlichen Erfolg eines Buches im ersten Schritt der Verlagsvertrieb verantwortlich ist. Wenn ein Vertrieb ein Buch nicht ordentlich positioniert, erreicht man nur mit sehr viel Glück und Zufall eine weitreichende Akzeptanz im Buchhandel. Ab einer gewissen Größenordnung bei den Verkaufszahlen bringt Facebook allein sicher nichts. Anders mag das sein, wenn sich mehrere Leserportale oder Buchblogger für ein Werk interessieren und dadurch ein breiteres Marketing entsteht. Aber mit diesem Medium sollte man vorsichtig umgehen. Hin und wieder höre ich von Bloggern, die schrecklich genervt von hoffnungsfrohen Autoren sind und sich ziemlich bedrängt fühlen.

Lea Korte: Beim Lesen deiner Bücher versinkt man völlig in der Welt deiner Helden. Ist dir das Talent zum Schreiben „zugefallen“ oder hast du dir das erarbeitet?

Micaela Jary: Ich kann nur schreiben. Sonst kann ich nicht sehr viel. Aber es ist auch absolut mein Ding, ich möchte gar nichts anderes können. Das war noch nie anders. Wie du oben gelesen hast, ist mir das Talent offenbar in die Wiege gelegt worden.

 

Lea Korte: Dein neuer Roman „Das Bild der Erinnerung“ erscheint im Herbst 2013. Zunächst zum Inhalt:

Sie sucht nach einem verschwundenen Gemälde – und entdeckt ein Familiengeheimnis und die große Liebe.

Einem Münchner Auktionshaus wird ein Bild des berühmten impressionistischen Malers Leo Reichenstein angeboten, das 70 Jahre als verschollen galt. Die junge Kunsthistorikerin Anna Falkenberg hat Zweifel an der Echtheit des Gemäldes. Ihre Nachforschungen führen sie zur Galerie Richardson in London. Der attraktive Oliver Richardson, der die Galerie leitet, rät Anna, sich an seinen Großvater Henry zu wenden. Oliver begleitet Anna auf ihrer Reise an die wildromantische Küste Cornwalls. Doch als Anna mit Henry Richardson spricht, ist sie zutiefst irritiert. Denn die Geschichte des Bildes führt in das besetzte Berlin der Nachkriegszeit zurück und scheint eng mit ihrer eigenen Geschichte verbunden zu sein.

 

Kannst du etwas zum Entstehungsprozess dieses Romans erzählen? Wie gehst du vor? Wie recherchierst du? „Plottest“ du oder schreibst du „einfach drauflos“?

Micaela Jary: Ich war vor fast genau zwei Jahren zum ersten Mal im Alliierten Museum in Berlin und sehr berührt von der Dauerausstellung. Dort werden Einzelschicksale aus der Zeit ab 1945 präsentiert. Etwa zeitgleich ging ein Fälschungsskandal durch die Medien. Es handelte sich dabei vor allem um Bilder der so genannten Klassischen Moderne, so dass der Weg meiner Gedanken zur Raub- und Beutekunst nicht weit war. Aus diesen beiden Säulen, einer Menge Fantasie und Recherche sowie ein paar persönlichen Erfahrungen setzte ich dann meine Geschichte zusammen. Meistens entstehen meine Romane auf diesem, anfangs eher zufälligen Weg. Und da meine Bücher erst geschrieben werden, wenn ein Verlagsvertrag neben dem Computer liegt, entsteht zuerst ein Expose, also der Plot, mit den wichtigsten Eckdaten.

 

Lea Korte: Wie beurteilst du die Zukunft der „Love and Landscape“-Romane? Warum ist dein neuer Roman kein L&L-Roman wie „Sehnsucht nach Sansibar“?

Micaela Jary: „Das Bild der Erinnerung“ war ursprünglich als zweites Standbein von mir gedacht und sollte unter Pseudonym erscheinen. Mein Verlag wollte den Roman dann aber lieber unter meinem eingeführten Namen veröffentlichen. Und als zuletzt eine Fortsetzung von „Sehnsucht nach Sansibar“ im Gespräch war, entschieden mein Verleger, meine Agentin und ich dann doch als nächstes Projekt erst einmal eine Familiensaga anzugehen, die in Deutschland spielt. Das bedeutet jedoch nicht, dass „Love and Landscape“ für mich keine Zukunft hat. Ich mache halt nur mal Pause.

Lea Korte: Auch das Thema Agentur ist ein wichtiges Thema. Was würdest du „Anfängern“ raten? Den direkten Weg zum Verlag – oder doch lieber „erst“ zur Agentur? Oder einfach mal „selber machen“?

Micaela Jary: Es ist schwierig, eine gute Agentur zu finden. Und eine gute Agentur ist per se nicht eine, die viele namhafte Autoren betreut, sondern die, die vorbehaltlos zu mir passt und steht. Auch wenn man vielleicht mal eine Niete zieht – ein Berufsleben ohne Agentur geht für einen professionell arbeitenden Autor m. E. gar nicht.

 

Lea Korte: Hast du noch einen besonderen Tipp, den du „Jungautoren“ mit auf den Weg geben kannst?

Micaela Jary: Lesen, lesen, lesen.

 

Ich danke dir für dieses Interview!